Newsletter Initiative Wissen

Ausgabe 11  |  März 2016

Raphael Miltner

KOLUMNE | TEIL 2 | MÄRZ 2016

Das Evangelium von der Schöpfung

Alle Jahre wieder: Anfang Januar ist die Zeit die guten Vorsätze zu testen – ob sie dem eigenen Anspruch auch Stand halten. Das was ich schon immer anders machen wollte einfach zu tun. In diesem Jahr habe ich immer wieder gehört „dass ich mich dieses Jahr nicht wieder so stressen lassen möchte.“ Mir geht es nicht anders. Zeit lassen, innehalten, gelassen bleiben – das fühlt sich gut an.

Und ein paar Wochen später? Ist davon nicht mehr viel übrig. Ein Termin jagt den anderen. Innehalten geht nicht. Wirklich? Für wen mache ich das eigentlich?

Ein Apfelbaum blüht im September. Das sieht schön aus. Für den Apfelbaum ist es weniger schön. Im Gegenteil: die späte Blüte ist ein Zeichen für Stress, sie macht den Baum anfällig für Schädlinge oder Krankheiten. Genau wie ich antwortet der Baum auf Stress mit: MEHR. Sein Kampf ums Überleben sieht aus wie das blühende Leben.

In seiner Enzyklika spricht der Papst davon, dass „die Unachtsamkeit im Bemühen eine angemessene Beziehung zu meinem Nächsten zu pflegen, meine innere Beziehung zu mir selbst, zu anderen und zur Erde zerstört. Wenn alle diese Beziehungen vernachlässigt werden, wenn die Gerechtigkeit nicht mehr im Lande wohnt, ist das gesamte Leben in Gefahr.“

Wie hängt das alles zusammen?

Die Journalistin Dunja Hayali fordert in ihrer Dankesrede zur Goldenen Kamera, dass wir uns wieder Zeit nehmen dem anderen zuzuhören, gegenseitig zu verstehen was uns umtreibt. „Seien sie offen. Bleiben sie fair. Differenzieren sie. Wahrheit braucht einfach Zeit.“

Wahrheit braucht Zeit. Und ich möchte ergänzen. Sie braucht auch Raum.

Das was im Moment in „unserem gemeinsamen Haus“ passiert, fordert uns alle. Die Herausforderungen sind enorm: Flüchtlinge, Klimakatastrophe, Kriege, Auseinandersetzungen, ein Auseinanderdriften in Europa, weg von Einigkeit hin zu einem mehr an Nationalismus. Da kann man schon einmal Schnappatmung bekommen. Mir geht es so.

Und was ist unsere Antwort?

Anstatt innezuhalten und durchzuatmen rattern wir weiter in unserem Rad. Anstatt uns unsere Verletzlichkeit und Ohnmacht zu zeigen tun wir so als hätten wir alles im Griff.

Wir gehen in die Breite und nicht in die Tiefe. Statt unsere Wurzeln zu stärken polieren wir eifrig an unserer Fassade. Dabei haben viel zu verlieren: unsere Menschlichkeit, unsere Liebe, unsere Würde – sie stehen auf dem Prüfstand. In den Worten des Papstes sind die echte Sorge für unser eigenes Leben und unsere Beziehungen zur Natur nicht zu trennen von der Brüderlichkeit, der Gerechtigkeit und der Treue zu anderen. Lösungen entstehen nicht aus einem einzigen Weg die Wirklichkeit zu interpretieren, im Gegenteil es braucht die verschiedenen kulturellen Reichtümer – Kunst und Poesie, das Zurückgreifen auf das innerliche Leben und die Spiritualität.

Dafür braucht es jeden und jede von uns. Ich kenne den richtigen Weg nicht. Aber Durchatmen, Zeit geben und anderen wirklich Zuhören sind ein Anfang.

Nicola Knoch
Redaktionsteam Initiative Wissen