Newsletter Initiative Wissen

Ausgabe 12  |  April 2016

Raphael Miltner

DIE MENSCHLICHE WURZEL DER ÖKOLOGISCHEN KRISE


Ein Märchen: „Des Kaisers neue Kleider“. Jeder sah, dass der Kaiser keine Kleider trug, und trotzdem schwiegen alle. Weil es hieß, dass die Kleider nur derjenige sehen konnte, der klug genug sei. Aus Scham also sagten die Menschen nichts, auch der Kaiser selbst. Bis ein Kind das Offensichtliche ausrief: „Der Kaiser trägt ja keine Kleider!“

Soweit das Märchen. Und wir? Entscheidungen, Politik und Geschichte – sie geschehen nicht einfach. Entscheidungen werden getroffen, Politik und Geschichte werden gemacht. Um uns herum gerät die Welt aus den Fugen – und wir stehen da und schauen zu. Fassungslos im besten Falle, aber wir schauen zu. Aus Scham und Ohnmacht?

Papst Franziskus spricht von der Tatsache, dass „der moderne Mensch nicht zum richtigen Gebrauch der Macht erzogen wird“, denn das enorme technologische Wachstum ging nicht mit einer Entwicklung des Menschen in Verantwortlichkeit, Werten und Gewissen einher.

Es reicht nicht aus, die Zeitung schnell wieder zuzuschlagen, weil es kaum mehr zu ertragen ist, was jeden Tag passiert. Es reicht auch nicht aus zu protestieren, dagegen zu sein. Wir sollten uns an Entmenschlichung, Grausamkeit und das Zerbrechen unserer Umwelt nicht gewöhnen, unsere Empörung nicht mit jedem Tag leiser werden lassen. Denn Gewöhnung heißt, dass wir unsere Freiheit und unsere Menschlichkeit aufgeben. Stückchenweise. Jeden Tag ein bisschen mehr. Statt gegen etwas zu sein, sollten wir wissen, wofür wir denn bitte sind. Was ist uns wichtig? Wenn wir unsere Freiheit bewahren wollen, dann sollten wir uns bemühen, die Tiefe des Lebens wiederzugewinnen.

Wenn wir versuchen, den auftretenden Problemen mit technischen Lösungen zu begegnen, dann bedeutet das, Dinge zu isolieren, die in der Wirklichkeit miteinander verknüpft sind. So verbergen wir die wahren und tiefsten Probleme des weltweiten Systems.

Die großen Konzerne legen wie gehabt ihre Wachstumsprognosen vor, China möchte von einem Produktions- und Exportstaat zu einem Dienstleistungs- und Konsumland auf westlichem Niveau werden, in Amerika stellt sich allen Ernstes die Frage, ob Donald Trump Präsidentschaftskandidat wird, das Klima verändert sich viel schneller als gedacht, die Flüchtlinge sind längst nicht nur Kriegs-, sondern auch Klimaflüchtlinge, die Terrorgefahr in Europa nimmt zu – wie stehen wir dazu? Augen zu und weitermachen bringt uns nicht weiter. Alles hängt mit allem zusammen.

Denn laut Franziskus „wird es keine neue Beziehung zur Natur geben ohne einen neuen Menschen. Es gibt keine Ökologie ohne eine angemessene Anthropologie.“ Wir haben Fähigkeiten erworben, die uns eine gewaltige Macht verleihen. Und eine Verantwortung, damit sorgsam umzugehen. Das bedeutet auch, dass wir gefragt sind, uns klarzumachen, wie wir zu den Dingen stehen, die geschehen. Es liegt in unserer Hand.

Oder wie Gandhi sagte: „Es gibt keinen Weg zum Frieden. Frieden ist der Weg.“

Nicola Knoch
Redaktionsteam Initiative Wissen