Newsletter Initiative Wissen

Ausgabe 37  |  September 2017

Das Peace-Zeichen wird 60

DAS PEACE-ZEICHEN WIRD 60

Skizze von Gerald Holtom, © Commonweal Collection, University of Bradford

„Und dafür brauchst du fünfzig Jahre?“
„Ja, und ich weiß, das ist überhaupt nicht cool.“

Auf die Frage eines Freundes wurde meine komplette 68er-, Hippie-, Revoluzzer- und Atomgegner-Karriere infrage gestellt. Denn erst heute, mit siebenundsechzig, bin ich der Sache nachgegangen. Das wäre so, als wüsstest man nicht, was das VW-Symbol, der Apple-Apfel oder das Wort „Laser“* bedeutet. Bei Letzterem könnte es für unsere Leser schon eng werden! Aber Vietnam – ja, na klar doch: „Peace“.

Als Halsband, als Lippenstift, als Kugelschreiber, als Kopftuch, als Graffito, als Joint, als Batik-T-Shirt oder als Aschenbecher – das Symbol assoziieren wir sofort emotional mit einer Historie, einer Haltung, einer Bewegung oder einem Standpunkt, abhängig vom eigenen Alter natürlich. Das „Peace“-Zeichen wird im Februar 2018 sechzig Jahre alt. Aber was bedeutet es eigentlich? Ich fand keine Erklärung, darum hier eine „wissensbildende“ Erklärung. Mit einem Link zum kompletten „Erklärer“.

Der britische Künstler und Grafiker Gerald Holtom entwarf es 1958 für die britische Anti-Atomwaffen-Bewegung, die sich ein Erkennungszeichen für ihren ersten Ostermarsch wünschte. Die Protestierer machten sich am 7. April 1958 von London aus zur Atomwaffenfabrik in Aldermaston auf. 500 Pappschilder von einem Meter Durchmesser wurden dafür mit der neuen Friedensgrafik beklebt. Ursprünglich habe er das Zeichen des christlichen Kreuzes zum Symbol der Atomwaffengegner gestalten wollen, erinnerte sich Holtom später. Aber er verwarf die Idee, weil er befürchtete, dass „in den Augen des Ostens das christliche Kreuz Synonym für die Kreuzzugstyrannei war, die in Belsen, in Hiroshima und in der Herstellung und Erprobung der Wasserstoffbombe gipfelte“.

Das Zeichen, das nie urheberrechtlich geschützt wurde, ging schnell als allgemeines Friedenssymbol um die Welt. Es reihte sich ein neben dem alten christlichen Friedenszeichen, der weißen Taube mit dem Olivenzweig im Schnabel. Zunächst übernahm die amerikanische Bürgerrechts-Bewegung um Martin Luther King das „Peace“-Zeichen im Kampf für mehr Freiheit und Gleichheit für die schwarze Bevölkerung. Dann wurde es zu einer Ikone des Jugendprotests gegen den Vietnamkrieg und das sogenannte Establishment. Und welche Idee steckte dahinter? „Peace“-Zeichen-Erfinder Holtom, der während des Zweiten Weltkriegs den Waffendienst aus Gewissensgründen verweigert hatte, bediente sich dafür beim internationalen Flaggenalphabet der Seefahrt: Die stilisierten Buchstaben „N“ und „D“ legte er für die Bezeichnung „Nuclear Disarmament“ (nukleare Abrüstung) übereinander. Der Kreis steht für den Erdball.

Ja, jetzt, nach fünfzig Jahren wird es endlich klarer, oder? Es gibt übrigens ein ähnliches Symbol in der deutschen Geschichte, nur etwas „hakeliger“ und „kreuzähnlicher“, ist aber in seiner Bedeutung wirklich klar, oder?

„Sapere aude“ – denke selbst und es muss nicht immer fünfzig Jahre dauern.

Peter Grabandt – Redaktion Initiative Wissen

*Laser: Light Amplification by Stimulated Emission of Radiation

Link zum Text „Das Peace-Zeichen wird 50 Jahre alt“