Newsletter Initiative Wissen

Ausgabe 7  |  März 2018

Liebe Partner der Initiative Wissen,

in den vergangenen Wochen hat uns Frau Knoch teilhaben lassen an ihren Vorbereitungen und ersten Erlebnissen in Bhutan. In den nächsten Kapiteln lässt sie uns teilhaben daran, was es heißt, im Moment zu sein und zu bleiben.

Viel Freude beim Lesen wünscht Ihnen
Ihre Katrin Bacher

Reise nach Bhutan – im Moment sein und bleiben

REISE NACH BHUTAN – IM MOMENT SEIN UND BLEIBEN

Kapitel 5: Loslassen und losgehen

Neuer Tag, neues Erleben. Der Tag startet für mich mit einer frühen Meditation und dem Versuch, meinen Ärger über mich selbst wirklich loszulassen und gleichzeitig Raum für das zu schaffen, was heute erlebt werden möchte. Das gelingt mir einigermaßen – doch schon wartet die nächste Herausforderung. Bevor wir endlich losgehen können, steht noch eine Fahrt zum Trekking-Ausgangsort an – und inzwischen weiß ich, was 120 km bedeuten.

Immerhin bin ich nicht allein damit und gemeinsam üben wir uns im „Im-Moment-Sein und -Bleiben“. Je länger unsere Fahrt dauert, umso besser gelingt es uns. Es spielt keine Rolle mehr, dass wir stundenlang im Auto sitzen müssen. Zuerst begeistert uns die sanfte Fahrweise unseres Fahrers, der uns über Straßen schaukelt, die von Schlaglöchern übersät sind und direkt an tiefen Abhängen vorbeiführen. Gleichzeitig stelle ich fest, dass es keinen Moment während dieser Fahrt gibt, an dem ich mich unwohl oder unsicher fühle. Dann erreichen wir eine Brücke, die jeweils nur von einem Fahrzeug befahren werden darf und genauso auch aussieht. Alle aussteigen und darüber laufen. Als wir eine Woche später den gleichen Weg zurückfahren, bleiben wir im Auto sitzen – wer auch immer das verstehen kann. Und nicht zuletzt sehen wir auf dem ganzen Weg immer wieder Schilder, die auf einen achtsamen Umgang mit der Natur hinweisen. Ganz anders als bei uns. Kein erhobener Zeigefinger, sondern der Hinweis darauf, dass es etwas zu bewahren gibt. Dass den Menschen hier ihr wahrer Reichtum sehr wohl bewusst ist. Das wirkt echt.

Bevor die Fahrt wieder lang werden kann – gibt es noch etwas zu essen. Hatte ich das schon erwähnt? Es gibt eigentlich immer etwas zu essen und das ist auch noch sehr lecker – hier wird gut auf uns aufgepasst.

Um uns herum schwirren viele kleine, drahtige Männer. Langsam sickert es ein, dass all diese Menschen mit uns gehen werden. Träger, Sherpas, Küchenteam etc. Und schon die nächste Hürde für uns alle. Unsere Trekking-Säcke liegen auf einem großen Haufen. Jeder der Träger greift sich zwei oder sogar drei unserer Taschen heraus und verstaut diese in einem riesigen Korb, der per Band an der Stirn getragen wird. Ich möchte meine Tasche sofort aus dem Korb herausnehmen und selber tragen. Und das geht nicht nur mir so. Es ist ein gefühlter Sprung in alte Zeiten, die Hierarchien sind ganz klar. Beim Losgehen sind wir auf eine Gruppe von fast 50 Personen angewachsen – und ein paar Pferde sind auch noch dabei.

Mit den ersten Schritten tritt mein Kopfkino in den Hintergrund. Die Träger haben uns längst überholt und sind in ihrem Tempo vorausgeeilt. Einer der Sherpas erklärt mir, dass es hier darum gehe, eine Arbeit zu haben. Und dass das Tragen unserer Taschen für diese Männer sowohl Arbeit als auch Versorgung ihrer Familien bedeutet. Es bleibt mir sowieso nichts anderes übrig, als mich damit anzufreunden. Die nächsten Stunden tritt all das in den Hintergrund, es geht nur Schritt für Schritt durch Rhododendronwälder und hinein in den Nationalpark. Erst als wir in der Dunkelheit unseren Lagerplatz erreichen, blitzt wieder auf, dass diese Reise anders sein wird als diejenigen, die ich bisher gemacht habe. Die Zelte sind bereits aufgestellt und als Erstes wird uns warmer Tee gereicht. Mir gefällt das und gleichzeitig hadere ich damit, dass wir so umsorgt werden. Dass ein Teil des „Das kann ich schon selber“ auf dieser Tour von anderen erledigt wird. Und dass es auch darum geht, diesen Menschen ihre Würde und sie ihre Arbeit machen zu lassen. Das kann ja heiter werden – was wohl dann wird, wenn meine beiden erklärten Herausforderungen Höhe und Kälte sich dazugesellen?

Kapitel 6: Leer werden

Der dritte Tag unserer Trekking-Tour. Heute werden wir zum ersten Mal auf über 4.000 m unser Lager aufschlagen. Und vermutlich wird es auf dieser Höhe auch um einige Grad kälter sein als auf den knapp 3.000 m, auf denen wir uns gerade noch befinden.

Höhe und Kälte – diese hatte ich vor dem Abflug als meine zwei Herausforderungen dieser Reise definiert. Und jetzt fühlt es sich an, als wäre ich mit allen Herausforderungen schon durch – bevor die echten auf mich warten. Reise ins Glück …

Immerhin bin ich völlig entspannt. Die Abläufe kennen wir jetzt schon ein bisschen. Morgens stehe ich um 6 Uhr zur Meditation auf. Wer von den anderen Lust hat, macht mit. Um kurz vor 7 Uhr gibt es „Tea or coffee, Madam?“ und dann ist Zeit fürs Zusammenpacken und Frühstücken. Spätestens um 9 Uhr gehen wir los. Das Waschen ist schon jetzt auf das Wesentliche reduziert. Immerhin befinden wir uns immer noch auf der Nordhalbkugel – und wenn auch in südlicheren Gefilden, so ist auch hier Winter. Die Zähne werden geputzt, das Waschen der Haare entfällt und die Dusche wird durch eine tägliche Katzenwäsche ersetzt.

Beim Frühstück reißen die Wolken auf und geben den Blick frei auf die echten, hohen Berge. Je höher die Berge, desto freier der Kopf – und hier geht der Blick bis auf fast 7.000 m. Und das im Winter und bei einer Frühstückstafel im Freien – das gefällt mir gut.

Unser Bergführer ermahnt uns zum ersten Mal, es heute wirklich langsam angehen zu lassen. Wir starten auf 2.950 m und unser Ziel liegt bei knapp 4.100 m. Und das ist spürbar. Bis zur Mittagspause ist so manches Gespräch im Gange, danach werden wir alle immer leiser. Jede/-r von uns ist mit sich selbst und damit beschäftigt, ein gutes Tempo zu finden, eines, das stimmt und der Höhe angemessen ist. Und es stellt sich von selbst ein. Die Luft wird spürbar dünner, das Tempo verlangsamt sich wie von selbst und gleichzeitig wird der Kopf immer leerer. Die gesamte Aufmerksamkeit ist bei der Koordination der nächsten Schritte. Schritt, Schritt, Schritt – wer noch keine Erfahrung hat, kann hier Meditation im Vorbeigehen lernen. Und ich laufe erst einmal geradewegs mit dem Kopf voraus in einen Baum. Mein Schädel brummt und ich werde von allen umsorgt. Schokolade, Rescue-Tropfen, eine Rückenmassage – Gruppe ist doch nicht so schlecht. Dann geht es weiter. Schritt, Schritt, Schritt – durch den immer lichter werdenden Rhododendronwald.

Kurz bevor wir die 4.000-Meter-Marke knacken (An alle Spezialalpinisten, für die das „Peanuts“ sind: Tut mir leid, für uns war es in dem Moment eine echte Marke!), taucht vor uns ein Häuschen auf. Wohl ein Lagerplatz für den Sommer. Und daneben zwei Kioske – wie eine Fata Morgana in der Wüste. Außer uns ist hier heute niemand entlanggegangen und trotzdem sind die beiden Bretterbuden bestückt, als wäre Dauerbetrieb. Und ich merke, dass ich schon ganz woanders bin. Anstatt mich darüber zu wundern, nehme ich es hin – ist hier einfach so – und fülle meine Schokoladenvorräte auf.

Eine halbe Stunde später sind wir an unserem Lagerplatz. Eine geplante gemeinsame Meditation fällt sofort flach – viel zu kalt – und das Abendessen wird extrem verkürzt – viel zu müde. Dass auch hier schon die Zelte für uns aufgebaut sind, sofort warmer Tee gereicht wird und um 18:30 Uhr das warme Essen auf dem Tisch steht – geschenkt, daran haben wir uns schon vollkommen gewöhnt.

Nach dem Essen wartet die nächste Herausforderung auf mich. Werde ich in dieser Höhe schlafen können? Normalerweise tue ich mich ab 2.500 m sehr schwer und brauche einige Tage, um in der Höhe in einen Schlafrhythmus zu finden.

Antwort: Überhaupt kein Problem! Ich schlafe schon …

Nicola Knoch
Redaktion Initiative Wissen