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Ausgabe 5  |  Februar 2018

Bhutan - eine Reise ins Glück | Kapitel 3 & 4

BHUTAN – EINE REISE INS GLÜCK | KAPITEL 3 & 4

Kapitel 3: Es geht wirklich los

Bevor ich anfange, von der Reise an sich zu berichten, ein paar Worte zu mir: Warum mich dieses Land so fasziniert und warum ich jetzt im Flugzeug sitze und kaum still sitzen kann. Mein Name ist Nicola Knoch und ich arbeite seit einigen Jahren als Begleiterin für Nachhaltigkeit in Unternehmen. Vor ein paar Jahren hätte ich mich als Beraterin bezeichnet, aber mit dem „Berater-Sein“ verbindet mich nichts mehr. Ich weiß nichts besser als andere und ich habe auch keine Lösung parat, die wir überall ganz einfach wie eine Blaupause auflegen können. Aber ich weiß, dass es für mich nicht mehr stimmt, den Menschen in Unternehmen Lösungen zu präsentieren, wenn ich noch gar nicht weiß, welche Frage/-n die Menschen wirklich bewegt/bewegen. „Der Weg entsteht beim Gehen“ – das versuche ich, in mein Leben zu übersetzen. Weil mich vor allem die Menschen geprägt haben, die den Mut haben, mit ihrer verletzlichen Seite umzugehen, die nicht auf alles eine Antwort haben müssen, die spürbar mit dem verbunden sind, was sie sagen, und im besten Falle auch noch tun, was sie sagen.

Warum also Bhutan? Weil etwas in mir daran glaubt, dass dieser Ort mich reich beschenken wird, dass ich dort viel lernen kann und dass ich mich darauf einlassen darf und möchte. Ich werde jeden Tag Notizen machen, sodass ich rückblickend mit dem jeweiligen Moment wieder in Resonanz gehen kann.

Also sitze ich jetzt, Mitte November 2017, im Flugzeug und fliege Richtung Neu-Delhi. Wir stellen im Flugzeug fest, dass wir zwar seit Monaten nur von Bhutan reden, sich ein großer Teil der Reise aber in Indien abspielen wird. In Sikkim zwar, ganz im Norden zwischen Nepal und Bhutan gelegen, aber doch in Indien. Wir – das ist eine Gruppe von zwölf Personen, gemeinsam mit unserem Bergführer. Drei Freunde von mir sind mit dabei, den Rest der Gruppe kenne ich nicht.

Unsere erste Gemeinsamkeit ist unsere wunderbare Ignoranz: Jeder von uns hat den gleichen Reiseführer von Bhutan im Gepäck (es gibt nur einen deutschsprachigen), während nur eine Person auch ein Buch über Indien mit sich führt. Unser Thema im Flugzeug ist Bhutan und ich lese in meinem Buch ein Zitat des Königs: „Wonach suchst Du? Nach Glück, Liebe, Seelenfrieden? Suche nicht am anderen Ende der Welt danach, sonst wirst Du enttäuscht, verbittert und verzweifelt zurückkehren. Suche am anderen Ende Deiner selbst, in der Tiefe Deines Herzens.“ Sofort fühle ich mich ertappt. Ein wenig ist es doch so – ich fliege weit, weil ich glaube, dass ich dort etwas finden kann.

Aber erst einmal gilt es, mit dem Hier und Jetzt umzugehen. Wir landen mitten in der Nacht in Delhi und haben unseren Anschlussflug erst am nächsten Morgen. Also suchen wir uns einen Platz, um unsere Isomatten auszurollen und eine Runde zu schlafen. Selbst im Flughafen ist der Smog von Delhi zu riechen. Egal – ich bin so erschöpft, dass ich sofort einschlafe.

Am nächsten Tag geht es morgens weiter per Anschlussflug in Richtung Nordosten. Ankunft in Bagdogra, von dort geht es mit Autos weiter. Um uns ist völliges Verkehrschaos, es wird gehupt, wir werden von Tuk-Tuks überholt – geübte Indienreisende werden vermutlich milde lächeln. Eines fällt sofort auf – trotz Chaos und Lautstärke: Es fehlt die Aggressivität. Unser Fahrer schaukelt uns völlig entspannt durch das Chaos und wir schrauben uns langsam hoch in die Berge. Zur Einreise nach Sikkim müssen wir eine Grenze überqueren, denn, obwohl Sikkim ein Teil von Indien ist, können wir dort nur mit spezieller Genehmigung einreisen.

Ähnlich wie Bhutan war auch Sikkim ein Königreich. In den Siebzigerjahren wurde das Land vom König in die Hand von Indien übergeben. Vor allem wohl deshalb, um Sikkim vor dem Zugriff von China zu schützen. Von Sikkims Hauptstadt Ganktok bis Tibet sind es nur 50 Kilometer. Wir befinden uns also auf sensiblem Gebiet, was durch militärische Präsenz unterstrichen wird. Gleichzeitig fällt auf, dass Sikkim anders ist als Indien. Es ist ruhiger, sauberer – nach den chaotischen Reisestunden davor fast entspannt. Unser indischer Guide erklärt, dass Sikkim, ähnlich wie Bhutan, eher buddhistisch geprägt ist. Außerdem hat der König mit der Übergabe an Indien spezielle Konditionen für die Einwohner Sikkims ausgehandelt. Sie zahlen keine Steuern, sodass die Einheimischen hier vergleichsweise wohlhabend sind. Das Bild draußen wird verständlicher.

Kapitel 4: Ankommen und erstes Lernen

Das erste wirkliche Aufwachen in Indien. Der Flughafen von Delhi, an dem wir gestern noch von Lautsprecherdurchsagen geweckt wurden, ist schon endlos weit weg.

Nach stundenlanger Fahrt über steile und meist unbefestigte Bergstraßen sind wir in einer Lodge mitten in den Bergen gelandet. Ich wache mit den ersten Sonnenstrahlen auf und spüre, wie ich innerlich entspanne. Draußen Natur, um uns herum Stille – und der Himmel ist wolkenlos, als wollte er seinen Beitrag leisten, um uns willkommen zu heißen.

An diesem ersten Tag wollen wir ein Kloster in der Nähe besuchen und ankommen. Innerlich bin ich ganz klar: Mehr brauche ich heute nicht. Den Besuch der Hauptstadt Gangtok, der ebenfalls vorgesehen ist, können die anderen gerne machen, ich nicht. Was ich in meiner inneren Logik nicht bedacht habe, ist das Thema Gruppendynamik. Dazu muss ich sagen, dass ich in Gruppenreisen nicht geübt bin. Mit Freunden reise ich gerne gemeinsam, aber eine Reisegruppe stand bisher nicht auf meiner Agenda.

Teil 1 meiner Reisegruppenerfahrung ist eine kleine Wanderung. Meine kleine Bezugsgruppe ist langsamer als die anderen, weil wir schauen und fotografieren – ich nenne das Ankommen. Auf einmal ist die Gruppe weg und wir haben den Anschluss verloren. Kein großes Thema, so weit sind wir nicht gegangen. Wir versuchen eine Abkürzung zurück zu finden – sodass wir noch länger brauchen, als würden wir einfach den direkten Weg zurückgehen. Und mit dem Ergebnis, dass wir zumindest kleine Seitenhiebe ernten – die Schubladen für die Rollenverteilung sind offensichtlich schon geöffnet.

Dieser ersten kleinen Erfahrung folgt sofort die nächste. Nach der Wanderung fahren wir zum Kloster Rumtek. Dort sind seit vier Wochen etwa 1.500 Mönche zur Meditation versammelt. Die Energie ist spürbar und ich fühle mich den Menschen und dem Ort sofort verbunden. Und meiner Gruppe nicht: Mit Fotoapparaten „bewaffnet“ wird der innerste Tempel betreten. Große Schilder „no photos“ hindern niemanden daran, Fotos zu „schießen“. Mir ist das extrem unangenehm und ich gehe innerlich auf Distanz: Mit einer solchen Ignoranz möchte ich nichts zu tun haben. Und dennoch bleibe ich bei der Gruppe. Immer mit Abstand und trotzdem gehe ich hinterher. Auch dann, als im Kloster die Meditation beginnt und „meine Bezugsgruppe“ nach draußen geht, um in Richtung Gangtok aufzubrechen. Anstatt das zu tun, was vorher ganz klar war, schweigt meine innere Stimme und ich laufe den anderen hinterher. Fahre mit, stehe im Stau und kann selbst nicht fassen, dass ich hier im Auto sitze. Und so gerne ich auch möchte – niemand außer mir selbst ist dafür verantwortlich. Es war meine eigene Entscheidung.

Nicola Knoch
Redaktion Initiative Wissen