Newsletter Initiative Wissen

Ausgabe 10  |  April 2018

Liebe Partner der Initiative Wissen,

erinnern Sie sich noch an den ersten Newsletter im Dezember? Frau Knoch hat uns an ihren Reisevorbereitungen teilhaben lassen. Mittlerweile hat der Frühling Einzug gehalten und wir werden mit sommerlichen Temperaturen verwöhnt. In den Kapiteln 7 und 8 nimmt uns Nicola Knoch wieder ein Stück weiter mit auf ihrer Reise und Sie erfahren, dass Big Brother auch in Bhutan sein Unwesen treibt. Seien Sie gespannt!

Viel Freude beim Lesen wünscht Ihnen
Ihre Katrin Bacher

Bhutan - eine Reise ins Glück | Kapitel 7 & 8

BHUTAN – EINE REISE INS GLÜCK | KAPITEL 7 & 8

Kapitel 7: Echte Größe

Um 4:30 Uhr werden wir geweckt. Im Zelt ist es eiskalt, die Zeltinnenwand ist mit Eiskristallen überzogen und die Bodentemperatur beträgt –5 °C. Das war nicht anders zu erwarten – auch hier steht der Winter vor der Tür. Allen meinen Befürchtungen zum Trotz habe ich tief und fest geschlafen und fühle mich gut erholt. Das bedeutet, dass ich den Herausforderungen, die ich erwartet habe, Höhe und Kälte, zumindest bisher durchaus gut gewachsen bin.

Nach einem warmen Tee gehen wir los, Stirnlampen auf dem Kopf, hintereinander durch die Dunkelheit. Für uns auf einen Berg mit 4.300 m Höhe, für die Sherpas auf einen Hügel und für uns alle, um den Sonnenaufgang zu erleben. Es ist magisch und doch ist jeder Schritt spürbar. Mit einem grandiosen Sternenhimmel über uns stolpern wir langsam den Berg hinauf.

Angekommen auf dem Gipfel – oder dem Hügel – treffen die ersten Lichtstrahlen auf die Eiswände des Kangchendzönga. Wir alle stehen da und uns laufen die Tränen über die Backen. Die Kälte ist vergessen, wir alle möchten diesen Moment so lange ausdehnen, wie es möglich ist. Über uns wehen die obligatorischen Gebetsfahnen, daneben befindet sich ein Räucherofen, der von den Sherpas befeuert wird. So viele Rituale, die vollkommen selbstverständlich zum Moment dazugehören und das Erleben noch reicher machen.

Als wir wieder zum Lager zurückkehren, scheint dort schon die Sonne und der Frühstückstisch ist draußen angerichtet. Vor ein paar Stunden noch undenkbar. Der erste Gedanke beim Aufstehen war: „Warum tue ich mir das an?“ Jetzt ist er purem Glück und Dankbarkeit gewichen.

Heute ist der Tag der Bergmagie, die pure Energie der Berge um uns herum ist deutlich zu spüren. An einem heiligen Ort machen wir Pause, den Kangchendzönga im Blick. Der Berg wirkt wie ein Magnet, strahlt Kraft und Würde aus. Und hier lassen sich die Sherpas erstmals neben uns nieder, lassen es zu, dass die Hierarchien durchlässiger werden. Zum ersten Mal sind wir alle einfach Menschen, die in den Bergen gemeinsam unterwegs sind. Das gefällt mir. Immer wieder überholen uns die Träger, ziehen an uns vorbei mit ihren großen Körben auf dem Rücken. Und gleichzeitig haben wir uns alle aneinander gewöhnt, aus der großen Menge tritt der einzelne Mensch stärker hervor.

Außer uns ist hier nichts und niemand mehr. Die Trekkingsaison ist vorbei und es scheint sonst kaum jemanden zu geben, der Lust hat, bei deutlichen Minusgraden im Zelt zu schlafen. Andere Übernachtungsmöglichkeiten gibt es nicht. An den Lagerplätzen ist Platz für die Tiere, und wenn es ein überdachtes Lager ist, dann schlafen dort die Träger. Was wir denen auch dringend raten möchten. Denn während wir alle mit feinsten Daunenschlafsäcken ausgestattet sind, schlafen diese Männer unter dünnen Decken. Außerdem wird in überdachten Lagern drinnen gekocht, sodass sich das Team den Aufbau eines Kochzeltes erspart.

An diesem Abend kommen wir im Lager an und mir fällt erst später auf, dass ich es diesmal wirklich genossen habe, gleich einen Tee gereicht zu bekommen. Dass mich die Umgebung so in ihren Bann zieht und ich einfach nur mit Laufen beschäftigt bin, dass ich gar keine Zeit mehr finde, das „Haar in der Suppe“ zu suchen. Eine sehr schöne Erfahrung! In mir kehrt langsam Ruhe ein.

Kapitel 8: Big Brother

Der dritte Tag über 4.000 m. Langsam wird die Höhe zur Gewohnheit, der leichte Druck auf den Kopf lässt nach. Und auch die Kälte kennen wir jetzt schon, es ist einfach „saukalt“. Meine Morgenmeditation vor Sonnenaufgang habe ich seit zwei Tagen aufgegeben, sonst müsste mich die Gruppe irgendwo von einem Felsen loseisen. Erstaunlich, wie schnell wir uns an neue Gegebenheiten anpassen. Allerdings – ich werde die Mütze nicht mehr ausziehen, bis wir wieder unten sind. Eine solche Betonfrisur hatte ich das letzte Mal in den Achtzigerjahren und eine warme Dusche wartet nicht auf uns …

Der erste Blick in inzwischen gewohnter Umgebung fällt auf ein ungewohntes Bild: Vor dem Zelt unseres Bergführers ist ein kleiner Menschenauflauf – viele kleine Männer mit dunklen Haaren, die sich um einen sehr großen Mann mit grauen Haaren scharen. Was ist da los? Streik? Gibt es irgendwelche Probleme? Hat sich jemand verletzt? Das Frühstück bringt Aufklärung: Unser Bergführer wird uns an dieser Stelle verlassen – er wird gerade festgenommen. Zwei Dorfpolizisten laufen uns seit zwei oder drei Tagen hinterher. Sie entfalten ein großes Papier und lesen uns den Grund für die Festnahme vor (so müssen das die Herolde im Mittelalter gemacht haben): Unser Bergführer hat ein Satellitentelefon dabei, aus Sicherheitsgründen. In Sikkim ist der Gebrauch von Satellitentelefonen aber nicht erlaubt, wir befinden uns im chinesisch-indischen Grenzgebiet. Er hat das Telefon in einem unteren Lager einmal eingeschaltet – Signal nach oben, Signal nach Delhi, Befehl nach Yuksam zu unseren beiden Dorfpolizisten: verfolgen und festnehmen. Wir sind mehrere Tagesmärsche von jeglicher Zivilisation entfernt, aber die beiden haben uns direkt gefunden. Big Brother is watching you.

Die beiden Polizisten sind sehr zuvorkommend und höflich, aber bestimmt. Man müsse jetzt aufbrechen. Also teilt sich unsere Gruppe. Einer der Sherpas begleitet unseren Bergführer, wir anderen gehen mit den anderen Sherpas, Trägern usw. den geplanten Weg weiter. Und wenn alles gut geht, treffen wir uns alle in drei Tagen am Ende der Tour wieder. Alle sind gelassen, das Ganze geht ohne große Aufregung über die Bühne. Der Spruch des Tages von Bene, unserem Bergführer: „Can we do it in one day? I am a strong man.“ Die Polizisten können einem fast leidtun. Erst müssen sie uns tagelang hinterherlaufen, dann kommen sie endlich zu ihrer Festnahme und damit zu einem deutschen Ausdauersportler, dessen Beine fast doppelt so lang sind wie ihre eigenen. Viel Spaß!

„Alleine gelassen“ trotten wir weiter. Die morgendliche Aufregung beschäftigt uns kaum, wir können ja sowieso nichts daran ändern. Nur das Gefühl, weit entfernt von jeglicher Zivilisation zu sein, hat einen dicken Dämpfer bekommen.

Auf der gewohnten Höhe geht es mal hoch, dann wieder ein bisschen runter. Die einzigen Parameter für diesen Tag sind die Aussagen, dass wir die Nacht auf 3.800 m verbringen werden und dass die Pferde heute den letzten Tag mit uns gehen und dann umkehren – was keinerlei Auswirkung auf irgendetwas hat. Morgen ist morgen und heute ist heute. Ganz ohne es wirklich zu merken, sind wir Schritt für Schritt im Hier und Jetzt angekommen. Meine normale Reaktion wäre vermutlich gewesen, mir zu überlegen, was jetzt mit dem Bergführer passiert. Ob das Probleme für unsere weitere Reise mit sich bringt. Was es für den Weg bedeutet, wenn die Pferde ihn nicht mehr gehen können. Wird es sehr steil oder ausgesetzt? Und jetzt: nichts. Es hat alles keinerlei Relevanz für den Moment, also geht meine Konzentration zum nächsten Schritt über. Ich nehme mir das nicht vor, es ist einfach so. Erst jetzt im Rückblick fällt mir ein, worüber ich in dem Moment alles hätte nachdenken können. Was mir Sorgen hätte bereiten können. Worüber ich hätte grübeln können.

Was bleibt: Schritt für Schritt für Schritt. Abends kommen wir zu unserem Lagerplatz. Er liegt auf 4.300 m. Wahrgenommen und losgelassen – es spielt keine Rolle.

Nicola Knoch
Redaktion Initiative Wissen