Newsletter Initiative Wissen

Ausgabe 14  |  Juli 2018

Liebe Partner der Initiative Wissen,

in einigen Bundesländern haben die Ferien schon begonnen, in Bayern werden sie sehnlichst erwartet. Haben Sie schon Ihre persönlichen Reisepläne gemacht? Falls nicht, nehmen wir Sie heute mit auf den nächsten Teilabschnitt der Bhutan-Reise von Nicola Knoch. Erfahren Sie in den Kapiteln 9 und 10, was es mit einem Bad in Pferdemilch auf sich hat. Seien Sie gespannt!

Viel Freude beim Lesen wünscht Ihnen
Ihre Katrin Bacher

Bhutan - eine Reise ins Glück | Kapitel 9 & 10

BHUTAN – EINE REISE INS GLÜCK | KAPITEL 9 & 10

Kapitel 9: Leer gehen

Die nächsten drei Tage ähneln sich vor allem durch eines: Wir haben überhaupt keine Ahnung, wie lange wir unterwegs sein werden, wie viele Höhenmeter nach oben und unten vor uns liegen. Wenn uns gesagt wird, es ginge ab jetzt „almost only down“, gehen wir sicher erst einmal steil nach oben. Wenn es heißt, dass die nächste Pause in einer halben Stunde auf uns wartet, dann wird die deutsche Pünktlichkeitsseele auf eine starke Probe gestellt. Und wir lernen, dass eine halbe Stunde ein dehnbarer Begriff und Zeit wirklich relativ ist.

Unsere Abhängigkeit von Zahlen und Struktur wird deutlich und gleichsam perforiert. Egal, was wir fragen, die Antworten der Sherpas scheinen deutlich zu sein und bleiben doch vage. Zwei Stunden Weg als 20 Minuten zu verkaufen, ist überhaupt kein Problem. Und noch viel weniger ist es ein Problem, dass wir inzwischen wissen, dass die Antwort nichts mit der realen Zeit, der realen Höhe oder dem realen Weg zu tun hat. Ich ändere meine Strategie. Anstatt weiter zu versuchen, von den Sherpas „echte Antworten“ zu bekommen, frage ich mich, warum es mir so wichtig ist zu wissen, wie hoch wir schon sind. Und nicht nur mir, sondern uns allen. Und wir immer weiter das Gleiche versuchen, obwohl wir jetzt schon wissen, dass wir damit ins Off laufen. Und auch diese Fragen begleiten mich nur ein paar Kurven lang. Dann bemerke ich, dass es einfach egal ist. Dass es egal ist, ob wir uns jetzt gerade auf 4.200 m oder 4.300 m bewegen. Dass es keine Rolle spielt, ob wir noch 20, 40 oder 60 Minuten bis zum nächsten Rastplatz brauchen. Dass all diese Fragen einen Versuch darstellen, in einer Situation irgendeine Kontrolle zu behalten, in der es nur gilt, einen Schritt vor den anderen zu setzen.

Zu sehen gibt es auch nicht viel, weil unser Weg fast die ganze Zeit in dichte Wolken gehüllt ist. Ab und zu reißt die dichte Hülle auf und gibt den Blick frei auf das, was wir sehen könnten, wenn die Wolken nicht da wären. Dann gibt es noch unsere Träger zu sehen, die jetzt, da die Pferde nicht mehr dabei sind, mehr zu tragen haben. Sie gehen auf diesen schmalen, manchmal auch etwas ausgesetzten und steilen Wegen mit einer Trittsicherheit, die uns sprachlos lässt. Und sie tragen dabei keine Bergstiefel, sie sind in goldenen Gummistiefeln unterwegs, die eigentlich kein Profil haben! Nachdem sie an uns vorbei sind, bleibe ich eine Weile in Staunen zurück und dann geht die Konzentration wieder zu den nächsten Schritten, die jetzt doch langsam, aber stetig nach unten führen.

Alles, was mich vor ein paar Tagen noch tief beschäftigt hat, Zugehörigkeit, Kontrolle, die Empörung über die Unterschiede bei uns Menschen, löst sich in mir langsam auf. Und macht Platz für: nichts. Die große Leere, die ich schon so oft als Langeweile bezeichnet habe. Und die ich in meinem Alltag zu vermeiden versuche. Sie ist einfach da und zum ersten Mal bemerke ich die wundervolle Qualität darin. Dass die Leere keine Leere ist, sondern der Raum für den Moment, in dem die Ausweichmöglichkeiten – Grübelei, Ärger, das Behalten der Kontrolle etc. – keinen Platz haben. Dass ich Geräusche oder kleine Details bemerke, denen ich sonst keine Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Und ich bemerke, dass ich dankbar bin, dass uns die Wolken umhüllen.

Kurz bevor wir unseren Zielort erreichen, wartet noch eine Überraschung auf uns: Als wir nach 20 Minuten (laut Ansage) und 1,5 Stunden (gemäß der Uhr eines empörten Teilnehmers unserer Gruppe) durch einen Fluss waten, erreichen wir eine Lichtung, die vor einer Stunde noch nicht hier war. Unser Küchenteam hat mit einer Machete schnell ein Dschungelrestaurant für uns in den Wald gehauen, aus den Ästen einen Tisch gebaut und dann das feinste Essen gekocht. Die Männer stehen da und glühen vor Stolz und Freude, umso mehr, als sie unsere Begeisterung sehen. Da stehen sie in ihren goldenen Gummistiefeln und ich könnte in die Knie gehen vor der Würde dieser Menschen. Mein innerer Raum füllt sich weiter an mit Demut, kindlicher Freude, Entdeckerdrang und Zuneigung zu den Menschen, die um mich herum sind.

Zwei Stunden später kommen wir wieder in der Zivilisation an. Ein Dorf hoch oben in den Bergen. Die versprochene warme Dusche gibt es nicht. Aber inzwischen sind wir Meister der Improvisation und zehn Minuten später habe ich – mit lauwarmen Wasser – frisch gewaschene Haare. Und es fühlt sich an, als hätte ich stundenlang in Pferdemilch gebadet.

Kapitel 10: Unterschiedliche Handlungsspielräume

Der erste Teil unserer Tour ist vorbei. Am nächsten Morgen verabschieden wir uns von unseren Trägern, Sherpas und Köchen. Unsere Autos stehen wieder bereit und unsere Fahrer erwarten uns schon. Nach einer Woche reiner Bewegung folgt jetzt also wieder ein Tag im Auto, den wir stoisch auf uns nehmen. Den Unterschied zwischen 100 km und 100 km kennen wir inzwischen – und auch die nett gemeinten Zeitangaben der Inder.

Unseren Zwischenstopp erreichen wir tatsächlich erst, als es schon dunkel ist. In der Zwischenzeit haben wir unseren deutschen Bergführer wieder bekommen, waren essen und saßen viel im Auto. Entspannt. Erst am nächsten Morgen meldet sich mein innerer Widerstand wieder zu Wort. Deutlich. Vor uns liegt ein weiterer Tag im Auto und erst am nächsten Tag fahren wir endlich nach Bhutan. Und werden voraussichtlich wieder den ganzen Tag im Auto verbringen. Mein Unmut nimmt zu, denn wir hätten schon gestern auf dem direkten Weg in Richtung Bhutan fahren können. Das wäre schneller gewesen. Gleichzeitig regt sich in mir eine neue Stimme. Leise noch, aber deutlich. Es bringt mir jetzt überhaupt nichts, mich aufzuregen. Ich werde doch nach dem Frühstück in dieses Auto einsteigen und mitfahren. Mein Handlungsspielraum ist in diesem Fall sehr begrenzt und es ist meine Entscheidung, ob ich mir diesen Tag schon jetzt vermiesen möchte. Puh. Eine halbe Stunde Meditation hilft mir dabei, den Ärger fast ganz loszulassen.

Am letzten Eckchen Ärger halte ich mich noch eine Weile aus Gewohnheit fest und lasse es spätestens bei der Fahrt durch die bengalischen Teeplantagen los. Die Vegetation verändert sich mit jedem Meter, von den engen Bergstraßen kommen wir auf breite Straßen, auf denen jeder Verkehrsteilnehmer seinen Platz findet. Eine Reifenpanne zwingt uns zum Anhalten und, anstatt mich über unseren „Zeitverlust“ aufzuregen, bin ich froh, dass wir Zeit haben, unsere Umgebung wahrzunehmen. Die Menschen tun ihr Übriges dazu, strahlen uns an, freuen sich. Mein Ärger von heute Morgen kommt mir kindisch vor und ich schäme mich über meine Kleinlichkeit. Und es wird noch viel besser.

Nachmittags erreichen wir unsere Lodge, unweit der Grenze zu Bhutan. Unser Guide gönnt uns keine Sekunde Ruhe, von hier soll es auf Safari gehen. Und jetzt ist er da, mein großer Moment: Ich gehe nicht mit, auf keinen Fall. Ein paar Schritte ins nahe Dorf reichen mir vollkommen, mehr brauche ich heute nicht mehr. Zwei meiner Freunde schließen sich an und zu dritt ziehen wir los. Wir erleben in den nächsten drei Stunden ein ganzes Leben. Wir sind die Attraktion im Dorf, werden auf eine Hochzeit eingeladen, ein Toter wird an uns vorbeigetragen, überall lächeln uns die Menschen zu und der Rikscha-Fahrer, der uns zur Lodge zurückfährt, fährt laut klingelnd und hupend an seinen Kollegen vorbei. Er ahnt wohl nicht, dass auch wir das Gefühl haben, den Hauptgewinn gezogen zu haben. Mit dem breitesten Grinsen im Gesicht kommen wir zurück, der Rest unserer Reisegruppe wartet schon. Etwas ermattet sitzen alle in einer Ecke – die Safari war wohl nicht so toll …

Hätte mir heute Morgen jemand erzählt, mit welch großem Glücksgefühl ich abends ins Bett fallen würde – ich hätte ihn dringend ausgelacht oder gleich rausgeschmissen. Und meine Scham über mich selbst weicht dem deutlichen Gefühl: Es ist immer deine Entscheidung, jeden Tag, jede Sekunde. Hör auf damit, irgendjemanden für dein Leben verantwortlich zu machen. Wir sind noch nicht in Bhutan angekommen, aber schon jetzt fühlt es sich an, als hätte ich die wichtigste Lektion bereits gelernt.

Nicola Knoch
Redaktion Initiative Wissen