Newsletter Initiative Wissen

Ausgabe 17  |  September 2018

Liebe Partner der Initiative Wissen,

Reisen sind ein Geschenk!

Frau Knoch schreibt in ihrem letzten Blog davon, dass die Reise nach Bhutan ein großes Füllhorn des Lebens für sie war. Dem kann ich nur zustimmen. Egal wohin eine Reise geht – sei es ein Tagesausflug an den schönen Chiemsee oder eine Rundreise durch Sri Lanka. Jedes Ziel ist immer eine Reise wert, die es in vollen Zügen zu genießen gilt. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Freude mit dem letzten Beitrag.

Ihre Katrin Bacher

Bhutan - eine Reise ins Glück | Kapitel 11, 12 & 13

BHUTAN – EINE REISE INS GLÜCK | KAPITEL 11, 12 & 13

Kapitel 11: Endlich Bhutan

Endlich! Nach dem Frühstück geht es weiter und, ganz anders als an den vorherigen Tagen, freue ich mich aufs Losfahren. Nur ein, zwei Stunden und dann sind wir endlich am Ziel – in Bhutan.

Die Stimmung in unserem Wagen ist sehr ausgelassen und etwas aufgeregt. Nach zwei Stunden kommen wir zum indischen Zollamt. Zwei sehr ernste Inder sitzen dort und prüfen unsere Ausweise in aller Ausführlichkeit. Hierarchie verleiht Macht und es gibt hier nichts zu lachen. Vor dem Zollamt erwartet uns Wangda, unser Guide für Bhutan, in traditioneller Kleidung, sehr freundlich und gleichzeitig zurückhaltender als die Inder. Wir steigen um in einen Bus und dann geht es durchs Drachentor nach Bhutan. Obwohl es nur ein Tor ist, liegen Welten zwischen Indien und Bhutan. Hüben das bunte hinduistische Chaos: Kühe auf den Straßen, die Unberührbaren dazwischen, die dem bunten Treiben einen bitteren Beigeschmack geben. Und hier herrscht geordnete Ruhe, die Häuser sehen gepflegt aus und eines gleicht dem anderen. Männer in Tracht, gelassen und höflich, und an allen Wänden das Bild des Königs. Mein Herz wird ganz weit, ich kann gar nicht fassen, dass ich wirklich hier bin. Immerhin sind auch die bhutanischen Zollbeamten so ernst bei der Sache wie ihre indischen Kollegen.

Unser erster Halt ist an einem Kloster, dort ist eine lange Mittagstafel für uns aufgebaut. Und gleich mein erster Eindruck ist: Hier hat sich jemand Gedanken gemacht, dieser Ort ist mit Bedacht gewählt, sodass wir in Ruhe ankommen können. Aus dem indischen Chaos landen wir an einem Ort, der uns mit seiner Ruhe willkommen heißt. Alle innere Aufregung der letzten Tage lässt nach, es gibt nichts zu tun, es gilt nur zu sein. Anders kann ich es nicht beschreiben. Ich kann mich nicht erinnern, mich jemals sofort so am richtigen Ort gefühlt zu haben. Dass wir nach dem Essen noch sechs Stunden Auto fahren? Geschenkt. Es ist nicht wichtig.

Auf unserer Fahrt nach Thimphu, der Hauptstadt, erhalten wir immer wieder Informationen über das Land. Was mich am meisten beeindruckt: Der König hat in den 70er-Jahren selbst erlassen, dass der König mit 55 Jahren zurücktreten müsse, um seinem Land nicht zur Last zu fallen. Vor neun Jahren hat der König abgedankt, den Platz an seinen Sohn übergeben und widmet sich jetzt der Philosophie und Spiritualität. Mit diesem Schritt wurde das Land in eine konstitutionelle Monarchie gewandelt. Hier gibt es viel zu lernen.

Die Gebäude im Land sehen sehr ähnlich aus. Auch das hat seinen Grund. Denn die Gebäude sollen nach außen nicht zeigen, ob der Besitzer viel oder weniger Geld hat. Wenn gebaut wird, dann helfen alle zusammen. Unser Guide meint: „Wir leben nicht in einer Gesellschaft, wir leben in einer Gemeinschaft.“ So einfach.

Abends gehen wir noch auf einen Absacker in eine Bar, um bhutanischen Whiskey zu testen. Und wir finden uns in einer Bar mit Livemusik wieder. Schon nach kurzer Zeit singen alle lauthals mit. Mein übliches Argument, dass ich nicht singen kann, wird von zwei bhutanischen Frauen gekontert: „Ist doch vollkommen egal, wir brauchen deine Unterstützung.“ Ich weiß jetzt schon, dass mir die Zeit, die wir hier haben, viel zu kurz erscheinen wird.

Kapitel 12: Wir gehen wieder

Bhutan – ich wache auf und muss mich kurz kneifen, dass wir hier sind. Es ist einfach und schön.

Bevor wir wieder zum Trekking aufbrechen, bekommen wir noch eine Führung durch Thimphu. Zu heiligen Stätten, auf den Markt, durch die Stadt und zu einer riesigen Buddha-Statue. Ganz anders als in Indien begleitet uns hier ein Mensch, der etwas zu erzählen hat und mit diesem Ort verbunden ist. In Indien hatte ich immer das Gefühl, wir werden an Orten ausgekippt – so, hier ist es jetzt schön – und später wieder eingesammelt. Immer ein bisschen verloren und ohne Idee, was wir hier eigentlich sollen. Hier bin ich durch die Zugewandheit und Achtsamkeit unseres Guides Wangda mit allem verbunden, was wir tun. Es fühlt sich so an, als würde er uns durch sein pures Dasein mit allem versorgen, was wir brauchen. Schön zu wissen, dass er auch mit uns zum Trekking gehen wird.

Mittags geht es los. Auch das Trekking wird anders sein. Wir haben keine Träger mehr, sondern Pferde und Maultiere. Die Gruppe ist viel kleiner, ein Küchenteam und ein paar Guides, das war es. Ich merke, dass es mir sehr schwerfällt, nicht ständig zu vergleichen. Irgendwo in mir sind die Schubladen offen, die ich beständig fülle.

Auf dem Weg sind wir völlig alleine. Und auch hier ist es so, dass wir nur mit Guides unterwegs sein dürfen. Die Trekkingpfade in Bhutan sind beschrieben und der Wanderer muss sich an die vorgegebenen Routen halten. Auch das ist eine Art, die Natur vor zu vielen Menschen zu schützen.

Die Spiritualität begleitet uns auf eine ganz beiläufige Art, sie ist hier ein lebendiger Bestandteil des Lebens. Sobald wir einen Bergsee erreichen, folgt ein Ritual, weil dort die Seelen der Verstorbenen zu Hause sind. Wangda bittet sie um Gesundheit und einen guten Weg für uns. Immer wieder kommen wir an Stupas vorbei, buddhistischen Bauwerken, die im Uhrzeigersinn dreimal umrundet werden. Bereits bei dem zweiten Stupa gehen wir die Runden ganz selbstverständlich mit. Morgens meditieren wir mit Wangda, abends gibt es einen Whiskey am Lagerfeuer. Kein Dogma, das bei uns so schnell aufkommt, wenn es um Spiritualität geht. Wer spirituell sein möchte, der muss vegetarisch essen, darf nicht trinken usw. All das entfällt hier. Es gibt ein Rahmenwerk, das aber keine Verbote beinhaltet, sondern viel mit Achtsamkeit zu tun hat.

Immer wieder kommen wir auf unserem Weg an Klöstern vorbei. Im ersten spielen die Mönche auf fast 4.000 m Höhe gerade Fußball. Es braucht eine Weile, bis wir verstehen, warum das Bild anders aussieht als gewohnt. Es gibt keine Tore im Spiel. Hier wird gespielt, um zu spielen und nicht um zu gewinnen. In einem anderen Kloster setzen wir uns gemeinsam mit den Mönchen zur Meditation hin. Viele kleine Momente begleiten mich hier und es fühlt sich für mich so an, als würde ich nach Hause kommen. So viele Fragen, die mich in meiner Arbeit und in unserer Gesellschaft immer wieder beschäftigen, bekommen hier Antworten. Weil ich die Kraft erleben darf, die die Verbundenheit mit dem eigenen Tun ausstrahlt.

Am ersten Abend ist Vollmond, der unseren Lagerplatz anstrahlt. Ich fange an, mich in dieses Land zu verlieben.

Kapitel 13: Denn sie wissen, was sie tun

Die nächsten Tage führen uns hoch und runter und immer wieder mit dem Blick bis hin zu den höchsten Bergen von Bhutan, die 7.500 m hoch sind. Anders als in Indien haben wir Glück mit dem Wetter und der Himmel über uns ist blau und wolkenlos. Und ich fühle mich auch in der Höhe vollkommen akklimatisiert. Erstaunlich, was unsere Körper zu leisten imstande sind.

Und mit jedem Tag erfahren wir ein Stück mehr von dem, was dieses Land ausmacht – es setzt sich wie ein großes Puzzle zusammen.

Die hohen Berge, über 6.000 m, dürfen nicht bestiegen werden. Das ist der Ort für die Götter. Der Erhalt der eigenen Kultur, eine der Säulen des Bruttonationalglücks, macht sich auch auf diese Weise bemerkbar. Überall sind die Grundlagen des Zusammenlebens eingewoben und das meistens in ganz beiläufiger Art und Weise.

Unser Begleitteam sitzt morgens beim Frühstück zusammen. Einmal frühstücke ich mit ihnen, weil ich Chili zum Frühstück probieren möchte. Und Wangda erzählt mir, dass sie auch deshalb alle zusammen frühstücken, weil er wissen möchte, ob es allen gut geht. Denn nur, wenn sie als Team gut zusammenarbeiten, können sie auch gut für uns da sein. Da ist es wieder. Was bei uns in jeder Teamentwicklung von oben gepredigt wird, wird hier einfach gelebt. Ich fange an, ein ganz simples Prinzip besser zu verstehen. Es geht nicht darum, die Dinge zu erklären, es geht darum, die Dinge zu tun. Achtsamkeit nicht zu verordnen, sondern ins eigene Leben und in jeden Moment zu integrieren. Hier hat jeder seinen Platz. Und so wird jeder in seiner ganz eigenen Schönheit sichtbar.

Abends sitzen wir am Feuer und fangen an zu singen. Beschämt stellen wir fest, dass keiner von uns auch nur ansatzweise ein Lied in deutscher Sprache textsicher singen kann. Wir stümpern uns von einem Liedfragment zum nächsten, während das Bhutan-Team gemeinsam wundervoll singt – und offensichtlich auch alle den Text kennen. So viel zum Erhalt unserer eigenen Kultur, vielleicht sollten wir mit unseren Liedern einmal anfangen. Am Ende landen wir bei „Oh Tannenbaum“.

Ich könnte ewig so weitergehen. Ich möchte nicht, dass der Weg zu Ende ist, weil das auch bedeutet, dass unsere Zeit in Bhutan langsam zu Ende geht. Die inneren Zellen sollten noch mehr Futter bekommen, es fühlt sich an, als wäre jeder einzelne Tag unendlich wertvoll.

Und doch kommt die letzte Nacht am Berg und damit am nächsten Morgen der Abstieg. Auf dem Weg kommen wir an Holzarbeitern vorbei, die mit ganz einfachem Werkzeug Holzlatten aus Bäumen schneiden. Diese Latten sind erstaunlich eben. Auf meine Frage, wie sie das machen, schaut mich Wangda erstaunt an: „Die wissen, was sie tun, die sind die Experten.“ Klar, hätte ich mir ja denken können. Der große Unterschied hier ist, dass jeder genau an seinem Platz zu sein scheint. Und jeder vertraut dem anderen, weil ja alle ihren Platz haben.

Es ist einfach ein großes Geschenk, hier zu sein, und auch beim Schreiben bemerke ich, dass sich etwas verändert hat. Anstatt die ganze Zeit mit mir beschäftigt zu sein, bin ich bereit aufzunehmen, bin da und im Moment. Ob das damit zu tun hat, dass wir jetzt schon bald drei Wochen unterwegs sind, ob es das Land ist oder das viele Gehen – egal. Alles trägt seinen Teil dazu bei – diese Reise ist ein großes Füllhorn des Lebens.

Nicola Knoch
Redaktion Initiative Wissen