Newsletter Initiative Wissen

Ausgabe 22  |  Dezember 2018

Digitale Integration in Unternehmen

DIGITALE INTEGRATION IN UNTERNEHMEN

Digitale Integration und die damit verbundene Haltung in Unternehmen

Was haben Digitalisierung, Big Data oder künstliche Intelligenz mit unseren freiheitlich-demokratischen Gesellschaften zu tun? Mit der kulturellen Entwicklung auf dem Globus oder dem Leben des Einzelnen? Mit Wirtschaftswachstum und einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung? Wo ist die Wiege der Digitalisierung, warum entwickelt sie sich so und nicht anders, wo stehen wir heute und wie kann es weitergehen? (Quelle: https://www.yvonnehofstetter.de)

Mit diesen und weiteren Fragen setzt sich Yvonne Hofstetter seit Jahren auseinander. Wer sie einmal erlebt hat, der weiß, dass sie als eine der wenigen in der Lage ist, diese Diskussion ernsthaft zu führen. Denn sie bewegt sich in beiden Welten.

Sie hat ein eigenes Unternehmen, das Algorithmen und damit Ansätze zur künstlichen Intelligenz in Unternehmen entwickelt, weil sie an das Potenzial der Digitalisierung glaubt. Und dann gibt es noch die andere Seite: die Verantwortung, die damit für Unternehmen einhergeht, wenn Menschen zu Dingen in einer digitalen Welt werden. Sie blickt kritisch auf die Frage, was mit einer freiheitlichen Gesellschaft passiert, wenn Algorithmen immer mehr unseren Alltag bestimmen.

Die künstliche Intelligenz wird zum Mainstream. Davon zumindest ist auszugehen, wenn Firmen wie Google kleine KI-Unternehmen aufkaufen, autonome Fahrzeuge entwickeln und offensichtlich alle Industrien mit der Frage beschäftigt sind, wie sie KI in ihren Geschäftsmodellen einsetzen können. Wenn wir uns vor Augen führen, wie umfassend alleine die Einführung des Smartphones unseren Alltag verändert hat, können wir schon heute davon ausgehen, dass die Entwicklungen durch Digitalisierung und KI unser Leben grundlegend verändern werden. Denn bisher beschränkt sich KI auf Aufgaben wie die Optimierung in Anwendungen wie Bilderkennung, Spracherkennung und Übersetzung. Aber schon heute werden bestimmte Entscheidungen von Algorithmen getroffen, von denen wir bisher dachten, dass sie „nur von Menschen getroffen werden können“.

Genau an dieser Stelle setzt der Kern der Diskussion an. Denn jeder Algorithmus ist ein mathematisches Modell. Und ein mathematisches Modell ist, laut Hofstetter, niemals eine 1:1-Abbildung des Lebens (https://www.wiwo.de/adv/capgemini/menschen/yvonne-hofstetter-ueber-kuenstliche-intelligenz-wir-haben-eine-neue-form-des-kapitalismus/20248196.html). Schwierig wird es dann, wenn Menschen von Algorithmen bewertet werden, die nach bestimmten Filtern klassifizieren, aber kein umfassendes Bild des Menschen abbilden. So wird „der Mensch und sein Leben auf das Quantifizierbare reduziert“ und das wird ihm nicht gerecht. Noch weiter gedacht geht es um nichts anderes als um unsere Definition von der „Würde des Menschen“, d. h. um den Grundsatz unserer Verfassung. Das Bundesverfassungsgericht hat schon Ende der 1950er-Jahre klar gesagt, dass jegliche Form der Kategorisierung, und sei es auch nur eine statistische Erfassung, eine Verletzung der Menschenwürde ist, also eine Verletzung seiner Souveränität und seiner Freiheit.

Was bedeutet diese Diskussion also für die Gesellschaft? Verantwortlich ist an dieser Stelle jeder: der Einzelne im Umgang mit der Bereitstellung seiner eigenen Daten, Unternehmen in der Form, wie sie mit diesen Daten umgehen, und natürlich auch die Politik, die gefordert ist, einen Rahmen zu setzen, der den Umgang mit Daten klar regelt. Und genau damit tut sie sich schwer, denn die Digitalisierung ist einer der Hoffnungsträger für das Wirtschaftswachstum.

Deshalb stehen hier insbesondere auch Unternehmen in der Pflicht. Bisher betreiben sie vor allem Lobbyarbeit, um die Regulierung so gering wie möglich zu halten. Denn Unternehmen sind profitorientiert. In dem Moment, in dem dieser Profit aber in zunehmendem Maße darauf basiert, den Menschen durch das Sammeln von Daten transparent zu machen, betreten wir ein Neuland, dessen Auswirkungen wir heute noch nicht abschätzen können. Und auch die Unternehmen können nicht mehr einfach nur den direkten, einfachen und profitablen Weg gehen. Denn der Wert dieser Unternehmen wird auf Kosten der Rechte und der Würde von Menschen – von uns allen – gemacht.

Das bedeutet für Unternehmen, dass sie mit ihren Geschäftsmodellen, auf Grundlage von KI und Digitalisierung, eine neue Wirklichkeit schaffen. Und es ist ebenso Verantwortung dieser Unternehmen, sich neben der Entwicklung von Geschäftsmodellen einer Diskussion zu stellen, die die Auswirkungen des eigenen Tuns beleuchtet. Yvonne Hofstetter fordert an dieser Stelle eine breite Debatte darüber, was Digitalisierung und KI für uns bedeuten. Denn auch Vorreiter der Digitalisierung, wie Elon Musk, scheinen sich ihrer Verantwortung für die Auswirkungen des eigenen Handelns langsam bewusst zu werden. Eine Verantwortung, die kein Unternehmen einfach delegieren kann – vor allem nicht, wenn es auf dieser Grundlage seine Profite macht.

Yvonne Hofstetter stellt sich selbst offen der Diskussion – im Bewusstsein, dass sie mit ihrer Arbeit Teil der Fragestellung ist. Das macht sie zu einer Vordenkerin einer Gesellschaft, die sich umfassenden Umbrüchen stellen muss. Was zur Folge hat, dass dieser Text leider nicht als Interview mit ihr entstanden ist – sie ist schlichtweg ausgebucht. Und ganz nebenbei benutzt sie bis heute kein Smartphone.

Nicola Knoch
Redaktion Initiative Wissen